Sammlung Stephanie Hollenstein

Die Entstehungsgeschichte der Galerie Hollenstein - Kunstraum und Sammlung ist eng verknüpft mit der Biografie Stephanie Hollensteins - ein Erbe, das einen verantwortungsvollen und reflektiert-kritischen Umgang erfordert.

 

Kindheit und Jugend

Als Kind einer Lustenauer Bauernfamilie entdeckte Stephanie Hollenstein (1886 bis 1944) bereits früh ihr Interesse an der Kunst: Die Zeit auf dem Feld und beim Hüten des Viehs nützte sie, teils unter Verwendung von selbst aus Beeren und Tierhaaren gefertigter Farben und Pinsel, für Skizzen und Zeichnungen ihres bäuerlich-ländlichen Alltags. Obwohl diese frühen Zeichnungen nicht mehr erhalten sind - vermutlich wurden sie bei einem Brand des Elternhauses im Jahr 1934 zerstört - lassen die späteren Arbeiten Hollensteins Rückschlüsse zu: Landschaften und Gebirgszüge, Mensch und Tier bei der Verrichtung landwirtschaftlicher Arbeit und vor allem Porträts ziehen sich als charakteristische Motive durch das gesamte künstlerische Werk Hollensteins.

Studienzeit in München

Vermutlich über Vermittlung von Maria Wolf (geb. Kogler), Ziehtochter von Landeshauptmann Adolf Rhomberg und selbst Malerin, wurde die junge Stephanie Hollenstein aufgrund dieser frühen Zeichnungen aus Jugendtagen für ein Studium an der Kunstgewerbeschule München angenommen, wo sie im Herbst 1904 - ohne die übliche Aufnahmeprüfung abzulegen - begann. Aus dieser Zeit sind nicht nur zahlreiche Studien und Skizzenbücher erhalten, sondern auch mehrere an Stephanie Hollenstein gerichtete Briefe von Verehrerinnen, die von innigen Liebesbeziehungen, aber auch immer wieder von Eifersucht und komplizierten Verhältnissen zeugen. Erste Verkäufe sowie der Betrieb einer eigenen Malschule in München finanzierten Hollenstein nach Abschluss ihrer Ausbildung ein weiterführendes Studium und 1913 unternahm sie – ermöglicht durch eine finanzielle Unterstützung der Vorarlberger Landesregierung – eine erste Reise nach Italien.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit

Der Kriegsausbruch 1914 löste bei Stephanie Hollenstein – wie bei so vielen – eine große und von Patriotismus geprägte Kriegsbegeisterung aus. Nachdem ihr Einsatz als Sanitäterin abgelehnt wurde, rückte sie 1915 als Mann verkleidet als „Stephan Hollenstein“ mit den Lustenauer Standschützen nach Südtirol ein und tat dort für einige Monate Dienst, bevor ihre Tarnung aufgedeckt wurde und sie sich stattdessen um eine Zuteilung zum Kriegspressequartier bemühte – eine Stelle, die ungewöhnlicherweise auch Frauen aufnahm. Zahlreiche Skizzen und Aquarelle von ihren Einsätzen als Kriegsberichterstatterin sind in der Galerie Hollenstein verwahrt: Lazarette, Unterstände und immer wieder Porträts von Soldaten, teils schwer verletzt, dokumentieren das Kriegsgeschehen. 1917 schied sie aus dem Militärmuseum aus, blieb aber in Wien und baute sich fortan hier ihre Karriere auf. Während die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre von teilweise großer Not und Hunger geprägt waren, was sich in mehreren erhaltenen Bittbriefen an Freunde und Mäzene niederschlägt, konnte Hollenstein sich später rasch ein Netzwerk von Freunden und Förderern aufbauen und zählt spätestens ab Mitte der 1920er Jahre zu den einflussreichsten weiblichen Künstlerinnen Wiens. Mitglied zuerst der „Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“ und später Gründungsmitglied der sich 1926 davon abspaltenden „Wiener Frauenkunst“, beschickt sie zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland mit ihren expressiven und farbintensiven Landschaftsbildern und Porträts. Reisen ins Südtirol und nach Italien ebenso wie Sommeraufenthalte in ihrer Heimatgemeinde Lustenau – zu der sie den Kontakt nie abreißen lässt – schreiben sich als Motive in ihr Werk ein. 1929 lernt sie in Wien die aus Dornbirn stammende Franziska Groß kennen, die nach einer turbulenten Anfangszeit zu ihrer langjährigen Partnerin wird.

Nationalsozialismus

Für Stephanie Hollenstein bedeutete die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich eine große Chance für ihr künstlerisches und persönliches Weiterkommen – eine Chance, die sie nicht nur ergriff, sondern auch aus Überzeugung mittrug. Bereits vor 1938 engagierte sie sich für die in Österreich verbotene nationalsozialistische Bewegung und ließ sich am 1. Mai 1938 als offizielles Parteimitglied registrieren. Ihr als Patriotismus interpretierter Einsatz im Ersten Weltkrieg, ihre bäuerliche und, wie sie selbst betonte, „urarische Abstammung“, ihre Faszination am Kult des starken Mannes (wie die Kunsthistorikerin Evelyn Kain feststellt), nicht zuletzt ihre Leidenschaft für das Bergsteigen und die heimatliche Landschaft – all das fügte sich nahtlos in die Ideologie der nationalsozialistischen Bewegung ein und wurde teils von der Künstlerin selbst gezielt zum Vorantreiben ihrer Karriere eingesetzt. Inwieweit ihr expressiver Malstil und ihre Homosexualität Platz in diesem Bild finden, bleibt ungeklärt. 1939 wird Hollenstein, nachdem sie nach einem Streit bereits 1936 aus der „Wiener Frauenkunst“ ausgetreten war, zur neuen Präsidentin der „Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“, in den alle anderen österreichischen Zusammenschlüsse von weiblichen Künstlerinnen eingegliedert werden – auch die „Wiener Frauenkunst“. Arisierung und Umbenennung des Vereins in „Vereinigung bildender Künstlerinnen der Reichsgaue der Ostmark (im großdeutschen Reich)" sind die Folge, von nun an widmet Hollenstein sich vor allem kulturpolitischen Anliegen des Vereins, unter anderem der Suche nach einem Grundstück für den Bau eines eigenen Ausstellungshauses – ein Vorhaben, das trotz vieler Bemühungen bis heute nicht umgesetzt werden konnte. Noch vor Kriegsende stirbt Stephanie Hollenstein 1944 nach längerer Krankheit in Wien inmitten der Vorbereitungen einer großen Ausstellung, die daraufhin zu einer Gedenkfeier für sie umfunktioniert wird.

Nachlass und Galeriegründung

Der gesamte Nachlass Hollensteins wird nach ihrem Tod von ihren beiden Schwestern Frieda und Maria verwaltet, die ihr ehemaliges Atelier in der Lustenauer Pontenstraße in eine Art Ausstellungsraum verwandeln und trotz bescheidener Verhältnisse kein einziges Bild der Sammlung veräußern. Durch die großzügige Schenkung der Sammlung sowie des gesamten Realvermögens gelangte die Marktgemeinde Lustenau nach deren Tod in den Besitz von über 1.200 Gemälden, Zeichnungen und Skizzen, aber auch von Briefen, Dokumenten und Büchern Hollensteins. 1971 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Elternhauses Hollensteins in der Pontenstraße das Stickereizentrum sowie die „Galerie Hollenstein“ gegründet, die dem bereits zu Lebzeiten Stephanie Hollensteins geäußerten Wunsch, den künstlerischen Nachlass der Nachwelt zugänglich zu machen, aber auch zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auszustellen, nachkam.

Hollensteins Homosexualität wie auch ihr Engagement für den Nationalsozialismus wurden in den regelmäßigen Ausstellungen ihrer Werke sowie in der Fachliteratur bis Ende der 1990er Jahre nicht erwähnt, erst eine Dissertation der amerikanischen Kunsthistorikerin Evelyn Kain, 2000 auf Englisch erschienen und mit finanzieller Unterstützung durch die Marktgemeinde Lustenau 2001 ins Deutsche übersetzt, sowie die Aufarbeitung des schriftlichen Nachlasses und insbesondere der erhaltenen Briefe durch die Historikerin Vanessa Waibel in Vorbereitung einer von Oliver Heinzle kuratierten Ausstellung „Stephanie Hollenstein – Leben und Werk“ beleuchteten diese beiden zentralen Aspekte ihres Lebens. Der zu dieser Ausstellung 2016 erschienene Katalog „Stephanie Hollenstein – Leben und Werk“ fasst den Forschungsstand unter Berücksichtigung dieser neuesten Aufarbeitung zusammen und ist über die Galerie Hollenstein erhältlich.

Weiterführende Literatur

Stephanie Hollenstein – Leben und Werk
Oliver Heinzle, Vanessa Waibel
Herausgegeben von der Marktgemeinde Lustenau
Lustenau, 2016
Gestaltung: chilidesign, Lustenau
Bild- und Textredaktion: Claudia Voit
Fotografie: Günter König, Dornbirn
ISBN: 978-3-900954-15-6
Preis: 28.- EUR
erhältlich über die Galerie Hollenstein - Kunstraum und Sammlung

Landscapes of Glory and Grief: Representations of the Italian Front and its Topography in the Art of Stephanie Hollenstein and Albin Egger-Lienz, and the Poetry of Gustav Heinse
Francesca Roe, Dissertation University of Bristol, 2014
(Link zum PDF-Download)

"Lustenau 1914-1918"
Ausstellungskatalog zur Ausstellung "Lustenau im Ersten Weltkrieg"
Oliver Heinzle, 2014
Auszug zu Stephanie Hollenstein, S. 82-85
(Link zum PDF-Download)

"Stephanie Hollenstein", in: 100 Jahre Marktgemeinde Lustenau - 1902 bis 2002. Eine Chronik
Wolfgang Scheffknecht
Lustenau 2003, S. 254-261
(Link zum PDF-Download)

"Stephanie Hollenstein - Malerin, Patriotin, Paradoxon"
Evelyn Kain, 2001
(Link zum PDF-Download)

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